★ Gedankenexperiment

Zombie-Apokalypse in Deutschland

Was würde wirklich passieren? Ein Gedankenexperiment zwischen Katastrophenschutz, Versorgungsketten und menschlichem Versagen.

Stell dir vor, es ist Dienstagmorgen. Du sitzt in der Bahn, scrollst durch die Nachrichten, und da ist diese Meldung: „Ungewöhnliche Vorfälle in mehreren Krankenhäusern – Patienten greifen Pflegepersonal an." Klingt wie ein schlechter Scherz. Bis die nächste Meldung kommt. Und die übernächste.

Ich beschäftige mich beruflich mit diesem Szenario – nicht als Virologe oder Katastrophenschützer, sondern als Autor. Für die LYRV-27-Reihe habe ich mich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, wie eine Zombie-Apokalypse in Deutschland tatsächlich ablaufen würde. Nicht als Fantasy, sondern als realistisches Gedankenexperiment. Und dabei bin ich auf ein paar Dinge gestoßen, die mich überrascht haben.

Die ersten 72 Stunden: Das Fenster, das sich schließt

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt seit Jahren, dass jeder Haushalt einen Notvorrat für mindestens zehn Tage haben sollte. Wasser, haltbare Lebensmittel, Medikamente, ein batteriebetriebenes Radio. Die Realität: Die allermeisten Menschen haben das nicht. Deutsche Haushalte haben im Schnitt Lebensmittel für drei bis fünf Tage im Haus – und das großzügig gerechnet.

In einem Szenario, in dem die Versorgungsketten zusammenbrechen, sind die ersten 72 Stunden entscheidend. Nicht wegen der Zombies selbst – sondern wegen des menschlichen Verhaltens. Hamsterkäufe, Panik, Stau auf den Autobahnen. Wir haben das 2020 in abgeschwächter Form gesehen, als ein Virus, das niemanden in einen Zombie verwandelt hat, ausgereicht hat, um Klopapier zur Mangelware zu machen.

Jetzt stell dir vor, die Bedrohung wäre nicht abstrakt, sondern sichtbar. Auf der Straße. Vor dem Supermarkt.

Warum Deutschland besonders verwundbar wäre

Deutschland hat einige strukturelle Eigenheiten, die in einem Apokalypse-Szenario relevant werden:

Keine bewaffnete Bevölkerung. In den USA besitzen rund 40 Prozent der Haushalte Schusswaffen. In Deutschland liegt die Quote bei etwa 2 Prozent – und die meisten davon sind Sportwaffen, sicher verwahrt, Munition getrennt. Das klingt zivilisiert, und das ist es auch. Aber es bedeutet, dass die Bevölkerung in einem Szenario, in dem individuelle Verteidigung plötzlich überlebenswichtig wird, praktisch unbewaffnet ist.

Extrem dichte Besiedlung. Deutschland hat 237 Einwohner pro Quadratkilometer – einer der höchsten Werte in Europa. In Nordrhein-Westfalen sind es über 520. Das Ruhrgebiet, das Rheinland, die Rhein-Main-Region: Millionen Menschen auf engem Raum, verbunden durch ein Netz aus Autobahnen und Schienenverkehr, das eine Ausbreitung beschleunigen würde, statt sie einzudämmen.

Zentralisierte Infrastruktur. Strom, Wasser, Lebensmittelversorgung – alles läuft über Systeme, die auf ständige Wartung und Personal angewiesen sind. Ein Stromausfall, und innerhalb von 48 Stunden bricht die Wasserversorgung zusammen. Ohne Wasser funktionieren Krankenhäuser nicht, Kühlketten brechen, die Kommunikation fällt aus. Das ist kein Zombie-Problem – das ist ein Infrastruktur-Problem, das Zombies nur beschleunigen.

Das eigentliche Problem einer Apokalypse sind nicht die Zombies. Es sind die Menschen.

Die Bundeswehr – und warum sie nicht reichen würde

Die Bundeswehr hat rund 180.000 aktive Soldaten. Klingt nach viel, aber: Deutschland hat 84 Millionen Einwohner. Im Verteidigungsfall stünden theoretisch Reservisten zur Verfügung, aber die Mobilisierung dauert – Tage, wenn nicht Wochen. In einer sich schnell ausbreitenden Krise ist das zu langsam.

Dazu kommt: Die Bundeswehr ist für konventionelle Kriegsführung und Auslandseinsätze ausgerüstet, nicht für die Bekämpfung einer Pandemie innerhalb des eigenen Landes. Es gibt Pläne für den Katastrophenschutz, ja. Aber diese Pläne gehen von Hochwasser, Erdbeben, vielleicht einem nuklearen Unfall aus – nicht von einer Bedrohung, die sich unkontrolliert ausbreitet und bei der jedes Opfer zum nächsten Problem wird.

Was realistisch passieren würde

Basierend auf dem, was wir aus realen Katastrophen wissen – und das ist die Grundlage, die ich für LYRV-27 benutzt habe – wäre der wahrscheinlichste Verlauf etwa so:

Tag 1–2: Erste Meldungen über „Angriffe" und „unerklärliches Verhalten" in Krankenhäusern und Innenstädten. Die Behörden reagieren zurückhaltend, weil die Informationslage unklar ist. Soziale Medien laufen heiß. Die meisten Menschen glauben zunächst an Fake News oder einzelne Vorfälle.

Tag 3–5: Die Lage eskaliert schneller als die Behörden reagieren können. Erste Städte melden Kontrollverlust in einzelnen Stadtteilen. Das Robert Koch-Institut gibt eine Warnung heraus, die niemand wirklich versteht. Die Autobahnen werden voll. Supermärkte leeren sich innerhalb von Stunden.

Tag 5–10: Großstädte werden zu Fallen. Wer nicht rechtzeitig rausgekommen ist, sitzt fest. Die Bundeswehr beginnt mit der Einrichtung von Sicherheitszonen, aber die Kapazitäten reichen bei Weitem nicht. In ländlichen Gebieten bilden sich selbstorganisierte Gemeinschaften – manche funktionieren, andere enden in Gewalt.

Ab Tag 14: Deutschland, wie wir es kennen, existiert nicht mehr. Was bleibt, sind Inseln – Orte, die sich halten konnten, getrennt durch Zonen, die niemand freiwillig betritt.

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Warum mich das als Autor fasziniert

Ich schreibe keine Sachbücher über Katastrophenschutz. Ich schreibe Romane. Aber gerade als Romanautor finde ich es wichtig, die realen Mechanismen zu verstehen – weil sie die Geschichten besser machen. Wenn eine Figur in LYRV-27 eine Entscheidung trifft, soll das plausibel sein. Nicht weil es Spaß macht, eine Apokalypse zu planen, sondern weil Leser sofort merken, wenn etwas nicht stimmt.

Die Faszination liegt nicht im Grauen. Sie liegt in der Frage, die hinter allem steht: Wer bist du, wenn alles, was dich definiert hat, wegfällt? Dein Job, deine Adresse, dein sozialer Status – alles bedeutungslos. Was bleibt, bist du. Und die Frage, was du bereit bist zu tun.

Genau diese Frage treibt die Figuren in der LYRV-27-Welt an – und, wenn ich ehrlich bin, auch mich als Autor. In einem Genre, das im deutschsprachigen Raum noch in den Kinderschuhen steckt, ist das Szenario „Was wäre wenn – hier, bei uns?" eine Geschichte, die erzählt werden will.

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